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17.11.2002 Volkstrauertag 2002

Die Toten mahnen: "Schafft Frieden!"
Zentrale Feierstunde auf dem Reichenbacher Friedhof

Ehrenwache stellten das Deutsche Rote Kreuz und die Freiwillige Feuerwehr aus Reichenbach, als Bürgermeisterstellvertreter Helmut Völkle den Kranz der Gemeinde niederlegte.

An den Gedenktafeln auf dem Reichenbacher Friedhof fand in diesem Jahr die zentrale Feierstunde der Gemeinde Waldbronn statt. Umrahmt wurde sie durch den Gesangverein "Concordia" Reichenbach unter der Leitung von Erich Brandel und vom
Musikverein "Lyra" Reichenbach  unter Jochen Mareth. Die Ansprache hielt in Vertretung von Bürgermeister Harald Ehrler , der sich auf einer Dienstreise befand, Waldbronns erster Bürgermeisterstellvertreter Helmut Völkle. Er führte aus:
"
Verehrte Mitbürgerinnen und Mitbürger,
am Trauertag des deutschen Volkes gedenken wir der Opfer unserer leidvollen
Vergangenheit. Die Botschaft am heutigen Volkstrauertag überall ist fast überall
die Gleiche, den Toten aus den Weltkriegen gedenken und der Wunsch, dass
Kriege weltweit bald der Vergangenheit angehören. Wenn auch Brandstifter ständig den Frieden gefährden, sollten wir die Hoffnung nie aufgeben.
Wir wollen mit dem Volkstrauertag die Erinnerung an das wach halten, was Menschen
Menschen antun können und mahnen, dass so etwas nie wieder geschehen darf.
Dieser Tag ist das gemeinschaftliche Trauern eines ganzen Volkes um all die Verluste an Leben und Chancen der Menschen. Trauer vermittelt den Wert und das
Ausmaß eines Verlustes und dies generationsübergreifend.
Tote, die wir vergessen, sterben ein zweites Mal. Wenn wir am Volkstrauertag der Opfer von Krieg und Terror gedenken, geht unser Blick zurück auf das Vergangene 20. Jahrhundert. Viele Bilder stehen uns vor Augen. Bilder, wie sie uns von vielen Kriegsdokumentationen bekannt sind, Bilder von Tod und Zerstörung, von Trümmern und Tränen. Solche Bilder sind überall in der Welt verständlich, sie bedürfen keiner
Übersetzung und wirken über ihre Zeit hinaus. Sie bewegen und mahnen uns, sie
sind ein leidenschaftliches Plädoyer für den Frieden angesichts der Folgen von
Krieg und Terror.
Mit Zuversicht haben wir das 21. Jahrhundert begonnen. Das Ende des Kalten  Krieges, die Annäherung der Weltmächte und die Wiedervereinigung unseres Landes bestärkten uns in der Hoffnung auf Frieden und Fortschritt in der Welt. Diese Hoffnung wurde rasch enttäuscht, eine Friedensdividende wird nicht ausgeschüttet. Aus heiterem Himmel kommen Terror und Gewalt über unschuldige Menschen. Vor 30 Jahren erlebten wir,
dass der olympische Friede keinen Schutz vor Fanatismus bietet. Unsere Erinne-
rung an die als heiter geplanten Spiele in München ist geprägt von dem Anschlag
auf unsere israelischen Gäste.
Die New Yorker und mit ihnen alle friedlebenden Menschen wurden am 11. September
2001 durch einen kaum vorstellbaren Terroranschlag getroffen, der nicht nur die Stadt,
sondern die Welt erschütterte. Wie können wir uns Angesichts solcher Szenarien vor
Hass und Rachegefühlen schützen?
Wir können den Bildern von Tod und Zerstörung nur Bilder des Lebens und der
Hoffnung entgegenstellen. Hinter diesen Bildern stehen auch Namen, sie gehören  
Menschen und Lebensschicksalen. Manchmal frage ich mich, was diese Toten
wohl sagen würden, wenn sie mit uns sprechen könnten, wenn sie uns von ihren
Erlebnissen berichten könnten, ob wir dann manches in anderem Licht sehen
würden?
Ich finde es jedenfalls sehr wichtig, dass wir einen solchen Gedenktag in unserem
Jahresablauf haben, um uns an das fragwürdige Sterben so vieler Männer zu er-
innern. Ebenso wichtig erscheint es mir aber auch, an das Schicksal der Frauen
und Kinder zu denken, die ebenfalls im Krieg Schlimmes erlebt oder die Kriege
nicht überlebt haben.
Während Mahnmale aller Orten für die gefallenen Soldaten sprechen und ihr Schicksal
bedauern, fehlt etwas Vergleichbares für die vielen geschändeten und um ihr Leben gebrachten Frauen und Kinder, die es in jedem Krieg gegeben hat und immer noch gibt. Es ist gut sich zu erinnern, auch wenn es weh tut.
Wir beklagen in diesen Tagen auch Tote aus Katastrophen in unserem Land, wie die 71 Opfer der Flugzeugkatastrophe von Überlingen, die einen entsetzlichen technischen Tod erlitten haben, einen fürchterlichen entstellenden Tod. Mit den begabten Kindern starben große Hoffnungen, nicht nur ihr Leben wurde vernichtet auch ihr Gesicht, ihr Körper, ihr Name, ihre Identität.
Die Toten mahnen: ,,Schafft Frieden!" Nur wenn wir die ganze Realität, die ganze bittere Wirklichkeit sehen, wenn wir uns nicht in Selbsthass zerstören, sondern bereit
sind, aus unserer Geschichte notwendige Lehren zu ziehen, nur dann wird es gelingen zu verstehen dass die stete Erinnerung an Verfolgung, Vernichtung, Ermordung und Terror zum elementaren Bestand unserer politischen Kultur gehört.
Dieses Sterben verpflichtet uns, mit allen uns zu Gebote stehenden Mitteln eine
Zukunft zu gestalten, die frei ist von Angst und der Erniedrigung der Würde des
Menschen.
Millionen und Abermillionen von Kreuzen auf den Kriegsgräberstätten in aller Welt erheben diese Forderung immer wieder. Unsere Trauer ist nicht machtlos. Unser Volkstrauertag ist nicht nur ein Tag des Nachdenkens für die Zukunft, von diesem Tag
des Erinnerns und Nachdenkens geht eine Wirkung aus. Sie soll dazu beitragen, dass dieses neue Jahrhundert trotz seines wenig  hoffnungsvollen Anfangs ein friedvolleres Jahrhundert wird als das Vergangene. Dieses Ziel ist unser aller Einsatz wert.
Wir denken heute an die Opfer von Gewalt und Krieg, Kinder, Frauen und Männer aller
Völker. Wir gedenken der Soldaten, die in den Weltkriegen starben, der Menschen, die
durch Kriegshandlungen oder danach in Gefangenschaft, als Vertriebene und Flüchtlinge
ihr Leben verloren. Wir gedenken derer, die verfolgt und getötet wurden, weil sie einem anderen Volk angehörten, einer anderen Rasse zugerechnet wurden oder deren Leben wegen einer Krankheit oder Behinderung als lebensunwert bezeichnet wurde. Wir Gedenken derer, die ums Leben kamen, weil sie Widerstand gegen Gewaltherrschaft leisteten und derer, die den Tod fanden, weil sie an ihrer Überzeugung oder an ihrem Glauben festhielten.
Wir trauern um die Opfer der Kriege und Bürgerkriege unserer Tage, um die Opfer von
Terrorismus und politischer Verfolgung, um die Opfer sinnloser Gewalt. Wir trauern mit
den Müttern und mit allen, die Leid tragen um die Toten, doch unser Leben steht im Zeichen der Hoffnung auf Versöhnung unter den Menschen und Völkern, und unsere Verantwortung gilt dem Frieden unter den Menschen, zu Hause und in der Welt.
Uns verbindet die Trauer mit den Angehörigen die einen lieben Verstorbenen auf
den Friedhöfen unserer Heimat in Etzenrot, Busenbach oder Reichenbach oder unserer Partnerstädten Esternay, St. Gervais, Monmouth, Reda oder Stadtilm beklagen. Immer schauen uns die Toten nach. Lasst uns in Gedanken bei ihnen sein und ihnen ein stetes Gedenken bewahren.
"
Mit der Kranzniederlegung und der Deutschen Nationalhymne endete die Feierstunde in Reichenbach. Anschließend wurden durch die Gemeinde noch Kränze an den Ehrenmalen in Busenbach und Etzenrot niedergelegt.

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