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18.05.2014 Auf Wanderschaft

Johanna Anderer ging auf die Walz

Zur Verabschiedung von Johanna Anderer (links) war viele Freunde und Bekannte gekommen, darunter auch Bürgermeister Franz Masino.


Wer früher ein Handwerk lernte, seine Gesellenprüfung bestanden hatte, ging auf die Walz. Dies passierte aber nicht aus Abenteuerlust, es war vielmehr ein Teil der Ausbildung. Die frischgebackenen Handwerksgesellen sollten bei anderen Meistern weitere Erfahrungen in ihrem Beruf sammeln.
Die Pflicht zur Wanderschaft der Gesellen war erst in nachmittelalterlicher Zeit in bestimmten Zünften, aber längst nicht in allen, als ein Teil des vorgeschriebenen Ausbildungsweges eingeführt worden. Vorausgegangen waren in romanischer und besonders gotischer Zeit die Wanderungen einzelner Bauhandwerker oder ganzer Bauhütten von einem Kirchenbauprojekt zum anderen. Zum Erliegen kamen diese Wanderungen Ende des 19. Jahrhunderts mit der Industrialisierung. An diese Wanderungen erinnern heute vielerorts noch die Mai- oder Zunftbäume wie in Waldbronn, an denen wandernde Handwerksgesellen ablesen konnten, welche Handwerksbetriebe im Ort ansässig waren.
Um 1980 wuchs das Traditionsbewusstsein, gleichzeitig aber auch die Emanzipation der Frauen und der Geist der „alternativen“ Lebensweise. Es wurden zwei neue Schächte, wie sich die einzelnen Vereinigungen nannten, gegründet, deren Strukturen stark von den „alten“ Traditionsschächten abwichen und die auch Frauen aufnahmen. Außerdem gingen vermehrt Gesellen beiderlei Geschlechts auf Wanderschaft, ohne einem der Schächte beizutreten. Diese nennen sich "Freireisende", um ihre Ungebundenheit gegenüber den Gesellenvereinigungen zu unterstreichen. Auf Wanderschaft gehen kann heute, wer die Gesellenprüfung abgelegt hat, unverheiratet und schuldenfrei ist.
Johanna Anderer aus Waldbronn hat in Karlsruhe das Schreinerhandwerk erlernt und sich nach ihrer Gesellenprüfung mit dem Gedanken befasst, auf Wanderschaft zu gehen. Sie schloss sich nach dem Besuch von Infotreffen den "Freireisenden" an, die sie jetzt mit großem Zeremoniell in Waldbronn abholten. Dazu waren viele Freunde, Bekannte und Verwandte von Johanna an das Busenbacher Ortsschild gekommen, um Johanna zu verabschieden.
Sie wird in den ersten drei Monaten von Ansgar in die Regeln des Wanderlebens eingeführt. Dazu gehört, auch während der ersten Monate ein Kontaktverbot mit der Heimat. Außerdem darf sich Johanna nie mehr als 50 km ihrem Heimatort nähern.
Johanna trug bei ihrer Abholung bereits die typische Bekleidung der wandernden Handwerksgesellen, den schwarzen Hut mit breiter Krempe und die Kluft mit weiten Schlaghosen, Weste und Jackett.
Jeder Wandergeselle führt ein Wanderbuch mit sich, in dem er die Städtesiegel der von ihm besuchten Städte und Gemeinde sammelt. Vorsprechen um das Siegel mussten die "Freireisenden", die Johanna Anderer abholten, nicht. Bürgermeister Franz Masino hatte das Gemeindesiegel gleich mitgebracht und huldigte auch weiter der Tradition, dass die Bürgermeister, bei denen die Handwerksgesellen vorsprechen, ihnen eine kleine Unterstützung mit auf den Weg geben.
Wehmütig winkten viele dann doch hinterher, als Johanna mit den anderen Handwerksgesellen abzog, war sich doch jeder klar, dass es ein Abschied für die nächsten drei Jahre bedeutete.

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