Herzlich Willkommen.
Sie sind Besucher Nr.:
11.527.852

Volltextsuche



 

05.06.2010 Frauengemeinschaft Reichenbach

Engagement der Frauen gewürdigt

Ehemalige Vorstandsfrauen, ältestes noch aktives Mitglied und das aktuelle Vorstandsteam (v.li.): Ilse Weber, Hedwig Becker, Elisabeth Anderer, Rosa Müller, Anita Asperl, Brigitte Schwab, Christa Anderer und Martina Becker


Ihr 125-jähriges Jubiläum feiert die Katholische Frauengemeinschaft St. Wendelin Reichenbach. Ein Festgottesdienst und ein Festakt bildeten den gebührenden Rahmen. Im Gottesdienst, den Pfarrer Josef Dorbath zelebrierte und den Silvia, Eduard und Jens Thimm sowie Eberhard Essig und Dieter Föhrenbacher musikalisch umrahmten, und der von den Frauen mitgestaltet wurde, ging Martina Becker auch auf die Geschichte der Frauengemeinschaft ein. Vor dem Altar hatten die Frauen einen Weg gestaltet, der Stationen aus den 125 Jahren symbolisierte.

Die Urkunde vom März 1885 dokumentiert
die Aufnahme des "Frauenvereins
Reichenbach", der Vorgängerin der
Katholischen Frauengemeinschaft
St. Wendelin, in den 1859 gegründeten
Badischen Frauenverein

Ursprung ist der 29. Juni 1884, als der damalige Reichenbacher Pfarrer Kunz für die Gemeinden Reichenbach, Etzenrot und Neurod "auf Wunsch Ihrer königlichen Hohheit, der Durchlauchtigsten Frau Großherzogin" einen Frauenverein gründete, wie es in den Annalen heißt. 1885 wurden die Reichenbacher Frauen in den Badischen Frauenverein der Erzdiözese aufgenommen. Pflege der Kranken, Unterstützung der Armen und die Betreuung der Kinderschule machten sie sich zu ihrer Aufgabe. Als Vorsitzende für die rund 40 Frauen wird ab 1886 Cäcilia Becker genannt.
In privaten Räumen untergebracht waren nicht nur die Gengenbacher Ordensschwestern, sie betreuten neben der Kinderschule auch die Kranken, der Saal war für die Kinderzahl bald viel zu klein. 1892 verlangte das Bezirksamt Ettlingen sogar die "Abstellung der unhygienischen Unzuträglichkeiten", ohne dass aber von irgendeiner Seite für Abhilfe gesorgt wurde, da weder die kirchliche noch die politische Gemeinde die notwendigen Mittel hatten. Erst Pfarrer Josef Löffler ging 1907 das Problem Kindergarten tatkräftig mit einem Neubau in der heute nach ihm benannten Straße an.

Ab Ende der 70er Jahre wurde bei der Katholischen Frauengemeinschaft St. Wendelin Reichenbach Fastnacht gefeiert. Unser Bild entstand bei einer der ersten Veranstaltungen noch im alten Pfarrsaal mit der späteren Vorsitzenden Anita Asperl als Schmied

Nach den auch finanziell für die Kinderschule schweren Zeiten nach dem Ersten Weltkrieg übernahm 1930 Anna Dreher bis 1950 den Vorsitz. In ihrer Zeit konnte 1934 noch unter Beteiligung des Deutschen Roten Kreuzes das 50-jährige Jubiläum gefeiert werden, der Frauenverein zählte damals 479 Mitglieder. 1938 wurde das gesamte Vermögen zugunsten des Deutschen Roten Kreuzes von den braunen Machthabern beschlagnahmt, sämtliche Unterlagen mussten auf dem Rathaus abgeliefert werden, der Kindergarten wurde von den Nazis übernommen. Die Schwestern versahen weiterhin ihren Dienst, litten aber unter der neuen Situation sehr, zumal der damalige Pfarrer Karl Walter aus Protest gegen die Enteignung das Gebäude bis 1945 nicht mehr betrat.

Das Jubiläumsgeschenk der Gemeinde überreichte Bürgermeister Franz Masino an das Vorstandsteam mit (v.li.) Elisabeth Anderer, Martina Becker und Ilse Weber

Sofort nach Kriegsende musste auf Geheiß der Franzosen der Kindergarten eröffnet werden, der Frauenverein wurde wieder mit der Leitung beauftragt und das gesamte Unternehmen dem Caritasverband angeschlossen. Bei einer Inventur zeigte sich, dass 100 Stühle fehlten, was zur Folge hatte, dass die Eltern einen Stuhl mitbringen mussten, wenn sie ein Kind anmeldeten. Um die ebenfalls fehlenden 12000 Mark aus dem Vermögen des Kindergartens stritt man mit dem DRK, bis 1951 mit Hilfe des Caritasverbands die Entscheidung zugunsten des Frauenvereins fiel.
1971 wurde Brigitte Schwab zur neuen Vorsitzenden gewählt. Sie initiierte Vieles, was bis heute Bestand hat. Das Kanonsingen in der Kirche ging auf sie zurück. Nachdem sich dazu mehrere Notenblätter lose angesammelt hatten, erzählt Brigitte Schwab, wurden sie von ihr mit der Nähmaschine zu einem kleinen Heft zusammengenäht, Tacker waren man damals noch nicht gebräuchlich. Auf ihre Initiative hin wurde 1976 auch erstmals die Frauenfastnacht gefeiert, die bis heute Bestand hat und weit über Reichenbach hinaus einen geradezu legendären Ruf genießt. Ausflüge, Gründung einer Gymnastikgruppe und Wanderungen ergänzten das Programm im geselligen Bereich. Brigitte Schwab musste 1983 aus gesundheitlichen Gründen das Amt abgeben, das heute von einem Dreierteam mit Elisabeth Anderer, Martina Becker und Ilse Weber geführt wird.
"Wir haben aber nicht nur gefeiert", schränkt dazu Ilse Weber ein. Besinnliche Erntedank- und Adventsfeiern wurden in dieser Zeit erstmals gefeiert und auch Altennachmittage betreut. Aktiv waren die Frauen auch im sozialen Bereich. Unterstützung des Kinderhospitals in Bethlehem, der aus Reichenbach stammenden Missionsschwestern, der Aktion "Frauen in Not", von Behinderteneinrichtungen und zuletzt der Containerbäckerei von Richard Nußbaumer waren nur einige Aktionen.

Beim Festakt im Pfarrzentrum Ernst Kneis

Der Festakt im Pfarrzentrum Ernst Kneis wurde durch Gundi und Klaus Bechtel musikalisch umrahmt. Elisabeth Anderer und Ilse Weber begrüßten die Gäste, unter ihnen auch die Pfarrer Josef Dorbath und Bernd Peisker, Pfarrerin Bettina Roller von der evangelischen Kirchengemeinde, Waldbronns Bürgermeister Franz Masino, Ehrenbürger Helmut Völkle, Abordnungen der katholischen Frauengemeinschaften aus Busenbach und Etzenrot sowie Vertreter der örtlichen Vereine.
"Einen lieben Gruß und herzliche Gratulation" überbrachte Pfarrgemeinderatsvorsitzender Hubert Kuderer. Ohne Frauen und ihr Engagement wäre das Leben in der Kirche ärmer. Die Frauen seien immer zur Stelle, wenn sie gebraucht würden. Die Aufgaben und Ziele der Frauengemeinschaft hätten sich in den 125 Jahren gewaltig geändert. Ursprünglich stand die Betreuung von Kindern in der Kinderschule, der Kranken und der Armen im Vordergrund. Mittlerweile seien viele selbstgewählte Aufgaben dazu gekommen. Dabei hätten alle Vorstandsfrauen ihre eigenen Schwerpunkte gesetzt.
Das christlich-soziale Leben in Reichenbach sei ohne die Frauen einfach undenkbar, nahm Waldbronns Bürgermeister Franz Masino das Thema auf. Wie in vielen weltlichen Familien -"Sind wir doch einmal ehrlich, liebe Geschlechtsgenossen"- seien auch in der Kirche die Frauen das Oberhaupt. Sie hätten auch dazu beigetragen, dass wir in Mitteleuropa seit 65 Jahren in Frieden leben. Zudem erbringen sie zwei Drittel der ehrenamtlichen Arbeit in der katholischen Kirche. Der Bürgermeister gratulierte mit einem Majolika-Teller, der die drei Waldbronner Kirchen zeigt. Für die Arbeitsgemeinschaft Reichenbacher Vereine sprach Vorsitzender Bernhard Becker Glückwünsche aus.

Beim Festakt zum 125-jährigen Jubiläum versammelten sich die aktiven Vorstandsfrauen der Katholischen Frauengemeinschaft St. Wendelin auf der Bühne

Humorvoll zeigten zum Schluss Elisabeth Anderer und Ilse Weber Unterschiede zwischen früher und heute auf. Sie betonten aber auch, dass sie als Leitungsteam gemeinsam mit Martina Becker an die Arbeit und die Ideen ihrer Vorgängerinnen anknüpfen und diese fortsetzen. Für dieses Engagement bedankte sich das Vorstandsteam mit einem Blumenpräsent bei seinen Vorgängerinnen Brigitte Schwab, Hedwig Becker, Christa Anderer und Anita Asperl ebenso, wie bei Rosa Müller, die mit 90 Jahren noch aktiv am Geschehen der Frauengemeinschaft teilnimmt. Mit einem Stehempfang klang der Festakt aus.

[<< Übersicht]