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13.02.2007 Manuel Figueras las in Waldbronn

Die Kinderstimme war für mich die Lösung
Marcelo Figueras las aus seinem Buch "Kamtschatka"

Die Übersetzerin Sabine Giersberg trug viel zum Gelingen des Abends bei

"Das Letzte, was Papa zu mir sagte, das letzte Wort, das ich aus seinem Mund hörte, war Kamtschatka." Marcelo Figueras singt fast mehr, als dass er vorliest, lässt seine sonore Stimme in bildhaften Klangfarben schwingen. Dass jeder, auch wenn er kein Spanisch verstand, sofort die atmosphärisch feinsinnige Dichte seines Romans "Kamtschatka" spürte, der die Geschichte einer argentinischen Familie zur Zeit des Militärputsches 1976 aus der Sicht des zehnjährigen Harry erzählt: Mit kleinen Gesten und eindringlichen Blicken betont er die melancholische Traurigkeit, lässt mit schelmischem Unterton und Augenzwinkern die kindliche Sorglosigkeit seines kleinen Helden lebendig werden und verzaubert vom ersten Moment an das Publikum mit seinem entwaffnenden und unprätentiösen Charme.
Über 120 Interessierte drängen sich am Dienstagabend im Sitzungssaal des Waldbronner Rathauses, um den argentinischen Autor zu erleben. Die Luft war zum Schneiden, aber die Begeisterung enorm. Kein Wunder: Auf seiner fünftägigen Lesereise stehen sonst nur Großstädte wie München und Berlin auf dem Programm. Die stolzen Veranstalter, Barbara Casper, Inhaberin der Buchhandlung "LiteraDur" und Sven Puchelt, Filialleiter in Waldbronn, die von Christian Steigert, dem Chef der Waldbronner Bücherei, unterstützt wurden, waren "überwältigt von diesen Zuhörermengen". Auch Hausherr Harald Ehrler sprach von einer "besonderen Ehre" und bat den Autor, sich ins Goldene Buch einzutragen. Selbst Figueras war gerührt und freudig überrascht über das große Feedback: "Man ist der einsamste Mensch auf der Welt, wenn man ein Buch fertig geschrieben hat und nicht weiß, wie die Leser es finden, was sie berührt. Ob die Flaschenpost angekommen ist."
Sie ist angekommen: Auf der Berlinale 2003 wurde der Kinofilm "Kamtschatka" (Regie Marcelo Pineyro, Drehbuch Figueras) als bester ausländischer Film hymnisch gefeiert und für den Oskar nominiert. Auch der Roman, der im August 2006 auf Deutsch erschien (Verlag Nagel & Kimche), löste schnell Begeisterungsstürme aus: Die Besucher waren so fasziniert, dass sie nach der spanisch-deutschen Lesung noch lange mit Figueras über seinen Roman sprachen. "Meine Eltern sind nicht verschwunden und meine Kindheit war rosig", betonte er. Die Geschichte ist also keine Autobiografie, wie immer wieder geschrieben wurde: "Ich war nur in dieser Zeit in einem ähnlichen Alter wie Harry im Buch und kann die Angstsituationen gut nachvollziehen." Dennoch trägt die Mutter im Buch Züge seiner Mutter, der kleine Bruder, "Zwerg" genannt, ist seinem Bruder ähnlich, und ihn erkennt man in Harry: spitzbübisch und ernst, humorvoll und tiefsinnig. Auch hat er das "Risiko-Spiel" über alles geliebt, wie sein Protagonist: Aber die russische Halbinsel "Kamtschatka" entwickelte sich erst während des Schreibens zum Symbol für innere Emigration: "Es war früher beim Spielen einfach das begehrteste Land, wenn man Amerika erobern wollte."
Das Thema lag ihm schon lange am Herzen, "weil es eine Wunde ist, die sich in Argentinien immer noch nicht geschlossen hat." Doch wollte er es aus einer anderen Perspektive erzählen, ohne Blut und Gewalt, und trotzdem die ganze Dimension der Schreckensherrschaft aufzeigen: "Die Kinderstimme war für mich die Lösung. So kann ich das Dramatische heiter und spielerisch erzählen, mit einem Gefühl von Hoffnung, einem Funken Licht." Das ist Figueras gelungen, der mit seiner Familie in Buenos Aires lebt und das Gefühl hat, dass die jetzige Regierung "auf einem guten Weg ist". Es wurde viel gelacht über die kleinen, vergnüglich tiefsinnigen Buchpassagen und die Atmosphäre war warm und familiär: "Danke, dass ich mich hier zu Hause fühlen durfte, wie bei mir zu Hause", darauf raunte ein begeistertes und vielstimmiges "Oh" durch den Saal.
Susanne Marschall, Abdruck mit freundlicher Genehmigung der BNN.

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