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25.06.2005 Chamäleon spielt Max Frisch

"Das Benzin auf dem Dachboden reicht für einen Weltenbrand"
VHS-Theatergruppe spielte "Biedermann und die Brandstifter"

Beim Nachspiel in der Hölle mit (v. li.) Norbert Ried, Peter Seiler, Sabine Batke, Gerd Kiecherer und Veronika Köppen

Mit dem 1958 uraufgeführten Bühnenstück prangerte Max Frisch den politischen Konformismus und die Selbsttäuschung angesichts einer drohenden Gefahr an. Dabei dachte er auch an das Verhalten der Deutschen unter dem NS-Regime, denn auch Hitler kündigte seine Absichten an. "20 Jahre nach der Uraufführung hat sich das feuergefährliche Benzin auf dem Dachboden, das unser Gottlieb Biedermann riecht und das ihn ängstigt und das er als Haarwasser deklariert, inzwischen vermehrt: es reicht für einen Weltenbrand.", so schreibt Max Frisch 1978. Von all den verschiedenen Frisch-Dramen ist Biedermann und die Brandstifter das knappste und konsequenteste. Die Biedermanns werden während der ganzen Geschichte als feige Mitläufer dargestellt, die weder Fantasie noch Anpassungsfähigkeiten besitzen. Doch erst ihr Egoismus macht es überhaupt möglich, die Voraussetzung zu bilden, damit die Brandstifter ohne große Mühe ihrer Arbeit nachgehen und ihrem Ziel entgegen kommen.

Auch die Polizei lässt täuschen. Szene mit (v.li.) Klaus Schroff, Gerd Kiecherer, Peter Seiler und Norbert Ried

Dieses auch heute noch hochaktuelle Stück hatte sich die Theatergruppe "Chamäleon" der Volkshochschule Waldbronn unter der Leitung von Gerd Kiecherer für das laufende Semester vorgenommen. Der Inhalt der politischen Parabel ist schnell erzählt: Der reiche Haarwasserfabrikant Gottlieb Biedermann (Gerd Kiecherer) schimpft bei der Zeitungslektüre über die in der Gegend sich häufenden Brandstiftungen. Dem aufdringlichen Hausierer Schmitz (Norbert Ried) überlässt er einen Schlafplatz auf dem Dachboden und unternimmt auch nichts, als dieser seinen Freund Willi Eisenring (Peter Seiler) mitbringt. Schmitz berichtet Biedermann, er sei mit dem Feuer von klein auf vertraut, weil sein Vater Köhler war. Aus Freude an den Flammen habe er bereits einen Zirkus angezündet. Und der ehemalige Kellner Eisenring gibt offen zu, dass er bereits eine Haftstrafe wegen Brandstiftung verbüßen musste. Als Schmitz und Eisenring Benzinfässer und Zündschnüre anschleppen, protestiert Biedermann zunächst, lässt sich aber von ihnen beschwichtigen, weil sie ganz offen erzählen, was sie vorhaben, und Biedermann sich sagt, das würden sie nicht tun, wenn sie wirklich Feuer legen wollten. Vor der argwöhnischen Polizei behauptet er, dass die Fässer Haarwasser enthalten. Damit macht er sich gewissermaßen zum Komplizen der beiden Brandstifter. Aus Furcht vor ihnen lädt er sie zum Essen ein, serviert ihnen Wein und duzt sich mit ihnen, denn einem Freund, so überlegt er, werden sie doch nicht schaden wollen. Am Ende gibt er ihnen auch noch Streichhölzer, wobei er sich einredet, dass sie selbst welche hätten, wenn es sich wirklich um Brandstifter handeln würde. "Die beste und sicherste Tarnung ist immer noch die blanke und nackte Wahrheit. Komischerweise. Der glaubt niemand.", so Max Frisch.

Szene aus der Aufführung im Kulturtreff mit (v.li.) Sabine Batke, Gerd Kiecherer und Patricia Keller

Gerd Kiecherer hatte mit der Theatergruppe "Chamäleon" das Stück wirkungsvoll in Szene gesetzt und regte sicher manchen Zuschauer zum Nachdenken an, wenn offenbar, wie an einigen Reaktionen zu entnehmen war, einige das so nicht wahr haben wollten. Wirkungsvoll war auch das Nachspiel in der Hölle, in dem Max Frisch das Thema nochmals variierte und seiner wie unserer Zeit einen Spiegel vorhielt.
Neben den bereits erwähnten Darstellern füllten auch die übrigen Akteure ihre Parts typgenau: Veronika Köppen als Babette Biedermann, Sabine Batke als Dienstmädchen Anna, Franz Wallisch als Dr. phil., Klaus Schroff als Polizist, sowie der Feuerwehrchor mit Patricia Keller, Birgit Garbatzki und Silvia Pfisterer, der in der Art des antiken Chors eine wichtige beschreibende und mahnende Funktion hat, den Zuschauer auf die bevorstehenden Ereignisse oder Tatsachen aufmerksam zu machen und er symbolisiert das Gewissen von Herrn Biedermann.
Aber auch hinter der Bühne gab es Einiges zu tun. Als Souffleuse wirkte Anna Lindenau, für die Maske war Patricia Keller verantwortlich. Bühnenaufbau und Bühnentechnik betreute mit der gesamten Gruppe Martin Kage, während Karl-Heinz Batke und Johannes Kiecherer die wirkungsvollen Lichteffekte beisteuerten. Für die Tontechnik war Ramona Lau zuständig, und sie hatte im Verlauf der zweieinhalb Stunden viel zu tun. Das Plakat hatte Simone Keller-Stader entworfen.
"Biedermann und die Brandstifter", das "Lehrstück ohne Lehre mit einem Nachspiel", wie es Max Frisch im Untertitel nannte, ist noch zweimal im Saal des Kulturtreff Waldbronn, Stuttgarter Straße 25a zu sehen: am Samstag, 2. Juli um 20 Uhr und am Sonntag, 3. Juli um 18 Uhr.

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