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02.05.2005 Zeitzeugen erinnern sich

"Die damaligen Frauen waren Heldenfrauen"
Ereignisse um den 8. April 1945 in der Erinnerung von Zeitzeugen

 

 

 

Zeitzeugen erinnerten sich: auf dem Podium (v.li.) Hugo Becker, Anneliese Becker, Helmut Scheib, August Schwab, Erhard Schück sowie Christian Steigert und Dr. Clemens Rehm.

Wie war das denn um den 8. April 1945, als in den drei Albtalgemeinden Busenbach, Etzenrot und Reichenbach Weißer Sonntag gefeiert werden sollte und die Franzosen vor den Toren standen? Welche Ängste plagten die Menschen damals, welche Rolle fiel den Frauen zu, die oftmals alleine für die Familie sorgen mussten?
Diesen Fragen ging die Veranstaltung "Waldbronner Zeitzeugen erinnern sich" im voll besetzten Saal des Kulturtreff nach, die der aus dem Leitbildprozess hervorgegangene Arbeitskreis "Heimatpflege", die Gemeindebücherei und die Volkshochschule gemeinsam veranstalteten, wie Bürgermeister Harald Ehrler in seinem einleitenden Grußwort vermerkte. Und wo diese Antworten nicht deutlich genug wurden, hakte Dr. Clemens Rehm vom Generallandesarchiv nach. Er steckte zu Beginn den historischen Rahmen für die Ereignisse im Albtal ab. Bei allen Schwierigkeiten mit den Besatzungssoldaten machte Rehm aber auch unmissverständlich deutlich, dass diese Folgen aus dem von den Nazis entfesselten Krieg resultierten. Allerdings, und auch das war zu erfahren, lag bei den letzten freien Wahlen vor 1933 der Stimmenanteil der Nationalsozialisten in den drei Albtaldörfern deutlich unter 10 Prozent.
Auf dem Podium waren bei den Zeitzeugen, die Bibliotheksleiter Christian Steigert vorstellte, alle drei Ortsteile vertreten. Anneliese Becker, Hugo Becker und Helmut Scheib vertraten Reichenbach, Erhard Schück schilderte seine Erlebnisse in Etzenrot und August Schwab, mit 69 Jahren der Jüngste im Bunde, berichtete aus Busenbach.
Drei Gefahrenpunkte für Busenbach habe es gegeben, so August Schwab. Einmal eine Artilleriestellung im Albtal, der Saal der Weberei, in dem Munition hergestellt wurde und eine Scheinwerferbatterie zwischen Busenbach und Grünwettersbach. Zudem sollte in Busenbach in den letzten Kriegstagen noch eine Panzersperre erreichtet werden, die beherzte Bürger aber wieder zuschütteten ehe sie noch ganz fertiggestellt war. Bei einem Angriff auf die Weberei bekam dann auch Busenbach drei Bomben ab, die beträchtlichen Schaden anrichteten.
Angst habe man schon gehabt, so Anneliese Becker, zumal kein Mann mehr im Haus war. Sie erinnert sich noch gut, dass sie im Keller geschlafen haben, als die Franzosen kamen und sie ihr kleines weißes Taschentüchlein schwenkte. Und nachdem in der Stuttgarter Straße eine Panzergranate, abgefeuert vom Neuen Weg aus, ein Anwesen in Brand setzte, habe man aus Angst vor einem Übergreifen des Feuers die benachbarte Gebäude schützen wollen. Da aber kein Wasser floss, wurde einfach mit Gülle, "Mistlach" wie Helmut Scheib ergänzte, gespritzt.
Anneliese Becker berichtete aber auch, dass ihr Haus von den Franzosen besetzt war, sie selbst in der Waschküche schlafen mussten. Da aber ein Säugling zu versorgen war, musste ihre Mutter mehrmals in der Nacht in die Küche, wo aber zwei Marokkaner schliefen. Sie seien aber sehr zuvorkommend gewesen und hätten die Familie unterstützt, wo sie nur konnten, fügte Anneliese Becker dem oft schlechten Bild der marokkanischen Soldaten eine positive Facette bei, die aber an diesem Abend noch mehrfach bestätigt wurde. "Die Frauen der damaligen Zeit waren Heldenfrauen", so Anneliese Becker unter Beifall.
Erhard Schück schilderte die Ereignisse aus Etzenroter Sicht, einem der wenigen Dörfer im Landkreis, in dem kein einziges Haus beschädigt wurde. Er erinnerte sich noch genau, wie er einen französischen Offizier zu August Anderer bringen musste, der dann als Bürgermeister eingesetzt wurde. Auch die zwei Tafeln Schokolade als Dank für die Wegweisung haften in der Erinnerung.
Hugo Becker schilderte seine Erlebnisse beim Einmarsch der Franzosen und von der für die herumstehenden Kinder, die auf etwas Süßes warteten, überraschenden Schießerei, als die Soldaten von der deutschen Kapitulation erfuhren. Helmut Scheib, auch sein elterliches Haus war besetzt, die Familie wohnte in der Scheune, musste als Malerlehrling Nummernschilder von konfiszierten Fahrzeugen mit der Trikolore übermalen.
Kritische Stunden hatten die Menschen oft kurz vor dem Einmarsch zu überstehen. Nicht nur Beschuss durch die heranrückenden Truppen bedeutete Lebensgefahr, auch wer die weiße Fahne hisste, dessen Leben war bedroht. In Reichenbach hatte Dekan Karl Walter einen Posten auf dem Kirchturm platziert, um das Heranrücken der Truppen zu verfolgen. Zum Glück verließ er rechtzeitig seinen Ausguck, da er von den Franzosen entdeckt, für einen Scharfschützen gehalten und der Kirchturm unter MG-Feuer genommen wurde. Bis diese Frage geklärt war, wurde Karl Walter von den Franzosen sogar in Geiselhaft genommen.
Zumindest in Reichenbach fiel der Weiße Sonntag den Ereignissen zum Opfer, wurde am darauffolgenden Sonntag nachgeholt, wie Berthold Dreher aus dem Kreis der Zuhörer heraus berichtete. Interessant auch das Schicksal der "Hitlerfahnen". Das Hakenkreuz wurde herausgetrennt und der Stoff dann zu Kopftüchern, Schürzen oder Kleidung umgearbeitet, ob frisch gefärbt oder nicht.

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