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05.12.2003 Holzeinschlag im Wald

Holzeinschlag im Waldbronner Gemeindewald

Nach den ersten kalten Nächten und dem Laubabfall hat wieder die Saison für die Nutzung von Laubbäumen sowie der Kiefer begonnen. Am Wald interessierte Bürger fragen deshalb: Ist ein Holzeinschlag nach den gewaltigen Schäden durch den Orkan Lothar überhaupt möglich und sinnvoll? Müssen nicht zuerst die großen Lücken im
Wald wieder geschlossen werden?
Das Forstamt, dem die Gemeinde die Bewirtschaftung ihres Waldes anvertraut hat, will versuchen, darauf Antworten zu geben.
Der Begriff der Nachhaltigkeit, der heute in vielen Bereichen und seit dem Rio-Prozess weltweit für die Nutzung endlicher Ressourcen gilt, ist seit zwei
Jahrhunderten die Richtschnur der Waldbewirtschaftung in Deutschland. Für die Forstleute hat er etwa dieselbe Bedeutung wie der Eid des Hippokrates für die Ärzte.
Die Nachhaltigkeit verpflichtete die Waldeigentümer anfangs darauf, nur so viel Holz
jährlich zu nutzen, wie nachwächst. Heute bezieht sich die Nachhaltigkeit auf alle
Aspekte der Waldwirtschaft, z. B. die Erhaltung der Bodenfruchtbarkeit und der
heimischen Baumarten, die Belieferung der Holzmärkte, die Sicherung qualifizierter
Arbeitsplätze im Wald und in der Holzwirtschaft, die Walderholung und anderes
mehr.
Der Orkan „Lothar" hat mit einem Vorratsverlust von rd. 40 % das
Nachhaltigkeitsgefüge des Waldbronner Waldes tief gestört. Zu den vom Orkan
geworfenen Bäumen kommen als Folge weitere Nachwirkungen hinzu:
- Auf der Mehrzahl der Sturmflächen blieb ein oft lichter Schirm von Einzelbäumen
stehen. Der aufmerksame Beobachter sieht, dass inzwischen einzelne von
normalen Sturmböen geworfen wurden. Offensichtlich war ein Teil ihrer Wurzeln
bereits von „Lothar" geschädigt worden. Wie der Sturm alle Baumarten erfasst
hat, so gilt dies ebenfalls für alle Baumarten, unabhängig davon ob sie
Flachwurzler wie die Fichten sind oder ob sie eine tiefergehende Herzwurzel
ausbilden.
- Viele der vom Orkan unvermittelt aus einem geschlossenen Waldgefüge heraus
gelösten frei stehenden Bäume vertragen eine so plötzliche Umstellung nicht. Ihre
Nadeln oder Blätter werden von Jahr zu Jahr schütterer, bis sie schließlich
absterben.
- Die Buchen mit ihrer hellen, glatten Rinde und einer oft geringen Krone, die den
Stamm nicht zu beschatten vermag, bekommen Sonnenbrand. Auf der Südseite
des Stammes vertrocknet die Rinde und platzt ab. In den frei gelegten Holzkörper
dringen Wasser und in der Folge Pilze ein. Das Holz wird entwertet und nach
einigen Jahren brechen die Bäume zusammen. In Wegnähe gefährden sie dann
die Waldbesucher. - Nur der Specht profitiert von dieser Schadwirkung - .
- Ebenso gefährlich vor allem für unsere Hauptbaumart, die Buche, ist eine
Eigenart vieler Bäume, der Zwiesel. An Stelle eines durchgängigen Stammes von
unten bis oben teilt sich oft der Stamm in zwei nach oben wachsende Stammteile,
er hat einen Zwiesel ausgebildet. Im geschlossenen Bestand bedeutet dies zwar
eine - leider häufig vorkommende - Entwertung des Stammes, aber sie gefährdet den Baum nicht. Bei Zwieseln, die vom Sturm ihrer sie stützenden Nachbarn beraubt
wurden, reißt früher oder später der Stamm-Zwiesel auf. Eine Kronenhälfte bricht
ab. In den oft stehen bleibenden Stammteil dringen Pilze in die Zwieselwunde ein,
bis schließlich auch dieser Teil abbricht.
- Während der gut einjährigen Aufarbeitungszeit des Sturmholzes konnte sich in
den zuletzt aufgearbeiteten Fichten der Buchdrucker, ein Fichtenborkenkäfer,
entwickeln und sich kräftig vermehren. Diese Borkenkäfer haben 2001 dann
isolierte Fichten oder Fichten mit vom Orkan angerissenen Wurzeln und
schließlich auch ganz gesunde Fichten befallen. Die befallenen Bäume mussten
dann schleunigst gefällt und entrindet werden, um die Entwicklung weiterer
Borkenkäfergenerationen zu verhindern.
Der Freiburger Waldbauprofessor hat nach dem Orkan darauf hingewiesen, dass die Untersuchung früherer Sturmkatastrophen zusätzliche Folgeschäden von etwa 40 %
des ursprünglichen Sturmholzes ergeben hätten. So weit sind wir in Waldbronn
bisher nicht. Der 40 % - Wert dürfte sich am ehesten bei fichtenreichen Wäldern
ergeben und nicht bei so hohen Anteilen an Laubbäumen wie im Waldbronner Wald. Doch ein erheblicher Teil der nach dem Sturm genutzten Bäume fiel im
Zusammenhang mit den oben aufgezählten Schadwirkungen an. Viele Bäume
wurden, noch bevor die Schadwirkung auch für den Laien voll sichtbar war, von den Fachleuten eingeschlagen. Auch im neuen Hiebsplan sind solche Maßnahmen
vorgesehen, denn nun gefährden die unsicheren Einzelbäume die heranwachsenden
Kulturen und Jungbestände, denen jetzt vorrangig unsere Sorge für einen neuen
Wald gilt.
Der Orkan hat ca. 30 % der Waldbronner Waldflächen geräumt. Weitere Flächen
wurden teilgeschädigt. Doch etwa die Hälfte der Waldfläche wurde kaum betroffen.
Es  wäre  nun  nicht  im  Sinne  der  Nachhaltigkeit, in  den  weitgehend  verschonten Waldteilen etwa 15 Jahre lang nichts zu tun, bis dann etwa der Gesamtwald seinen
Holzvorrat von vor „Lothar" erreicht hat.
So naturnah unser Wald wirkt und es auch im Unterschied zu den Siedlungsflächen
wie auch zur Landwirtschaft ist, so wird er doch seit Jahrhunderten mit sich
verändernden Zielsetzungen vom Menschen als Teil der Kulturlandschaft genutzt
und gestaltet. In einem Naturwald würde hier die Buche großflächig vorherrschen.
Auch ihre hier natürlichen Begleiter, wie die Eiche, Hainbuche und Tanne, wären nur
als Randerscheinungen zu finden. Andere Baumarten, wie die Kiefer, Fichte, Lärche
und Douglasie, würden gar nicht vorkommen. Birke, Weide und Aspe wären auf
Sturmlücken beschränkt. Die Arten- und Strukturvielfalt, die wir aus unserem Wald
kennen, und die den Waldbesucher erfreut, wäre deutlich geringer.
Das vom Gemeinderat bei der mittelfristigen Betriebsplanung (Forsteinrichtung)
beschlossene und vom Forstamt als treuhänderischem Bewirtschafter angestrebte
Ziel ist ein arten- und strukturreicher Waldaufbau mit mächtigen Kronen. Ein nicht
bewirtschafteter Wald tendiert zum Dichtschluss mit engen Kronen der Einzelbäume. Unser Ziel erreichen wir, wenn wir je nach Bestandesalter alle fünf bis zehn Jahre
durchforsten, dabei die Zahl der Einzelbäume verringern und die qualitativ besten
somit in ihrer Weiterentwicklung fördern.
Der Orkan hat uns in unserer planmäßigen Abfolge der Durchforstungen um zwei bis drei Jahre zurückgehalten. In vielen von Lothar nicht betroffenen Waldflächen steht
nun ein planmäßiger Eingriff an. Auch in den Altbeständen gibt es viele Einzelbäume
die inzwischen das Optimum ihrer Entwicklung erreicht haben. Stellen wir deren
Einschlag um zehn Jahre zurück, so tritt eine gewisse Entwertung ein. Es ist auch
ökologisch nicht vertretbar, furnierträchtige Bäume entwerten zu lassen und statt
dessen Furnierholz aus den Tropen zu beziehen.
Wie schon erwähnt, gehört auch die kontinuierliche Belieferung der Holzmärkte zur
Nachhaltigkeit des Wirtschaftens. Wer will schon zehn Jahre lang seine Holzheizung
still legen und mit Heizöl das Schadgas CO2  produzieren, bis wir den Holzverlust
durch Lothar ausgeglichen haben? Oder wer will den Bau eines Hauses mit Holz 
oder die Anschaffung von Möbeln zurückstellen?
Zu den besonders auffälligen Holzeinschlägen der beiden letzten Jahre gehörten
Maßnahmen der Verkehrssicherung entlang von Straßen oder angrenzend an
Wohngebiete.  Die  Bäume  wachsen  aus  dem Wald hinaus in Richtung Straße oder Bebauung. Sie engen das Lichtraumprofil der Straßen ein, oder sie beschatten die Gärten. Der Waldeigentümer ist gesetzlich verpflichtet, diesen Überwuchs zu
beseitigen. Bei den Siedlungsgebieten wird dies z. T. von den Nachbarn
eingefordert, z. T. von anderen heftig befehdet.
Auch aus anderen Bereichen kommen Anforderungen, die letztlich mit Eingriffen in
den Wald verbunden sind:
Das geplante Baugebiet im „Heubusch", ein Eingriff in die Natur darf nur realisiert
werden, wenn die Gemeinde teils dort, teils an anderer Stelle ökologische
Ausgleichsmaßnahmen durchführt. Ein Teil davon ist der Beginn einer naturnäheren
Gestaltung des Kurparksees, ein weiterer Teil eine ökologische Aufwertung im Wald.
Das Forstamt hat dazu vorgeschlagen, zwischen dem AVG-Damm südlich des
Kurparks und den Odenwiesen entlang des Odenbachs Erlen sowie Eschen zu
pflanzen. Ziel ist ein bachbegleitender Erlen-Eschen-Wald. Dieser Waldtyp ist in der
europäischen Naturschutzkonzeption Natura 2000 als „prioritärer Lebensraumtyp", d. h. als höchst schützenswert, eingestuft. Im genannten Bereich gibt es wenige alte
Erlen und Eschen. Eine neue Waldgeneration dieses selten Typs soll nun begründet
werden.
Eine Teilfläche hat „Lothar" bereits fast ganz geräumt. In dem an die Odenwiesen
grenzenden Pappelwald hat er zwar kräftig gewütet, doch stehen noch viele Pappeln
und einige ca. 40-jährige Fichten der ökologischen Aufwertung entgegen. Sie sollen
nun weitgehend genutzt werden, damit sie den Neuaufbau nicht gefährden.
Unweit davon am Weg vom Kurpark zur AVG-Haltestelle stehen dicht geschlossen
ca. 30-jährige Douglasien. Sie sollen in diesem Zusammenhang ausgelichtet und mit
heimischen Sträuchern und Laubbäumen unterpflanzt werden.
All diese Ausgleichsmaßnahmen erfolgen im Kern des Waldbronner
Erholungswaldes und werden daher von vielen Bürgern aufmerksam beobachtet und
gewiss unterschiedlich bewertet werden. Keine der Maßnahmen erfolgt im Blick auf
die (prekäre) Finanzlage der Gemeinde als Waldeigentümer.
Dieser Überblick soll zum Einen einen Überblick geben über die verschiedenen
Gründe für Holzeinschläge, er soll aber auch um Verständnis für die Arbeit der
Forstleute werben, die oft mit sich widersprechenden Anforderungen konfrontiert
sind. „Niemand kann zwei Herren dienen", heißt es schon in der Bibel. Die Forstleute sind oft mehr als zwei verschiedenen Anforderungen und Meinungen ausgesetzt und können nicht Jedem überall gerecht werden, ohne jedoch die Anderen dabei „verachten" zu wollen.

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