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Das war...(Aktuelles aus der Gemeinde)


11.11.1999 Hilfstransport der Polizei nach Gatschina


Die Mannschaft (von links): Günter Cramer, Hans-Joachim Rausch, Willibald Masino, Jürgen Wolf, Sigrid Licht, Willi Beisel, Richard Linder, Adolf Köhler, Franz Stadler, Martin Knaus, Bernd Schmitt

Aktionsgemeinschaft ,,Die Polizei hilft e.V.“
,,Die Situation ist furchtbar,
aber alles ist besser als Tschetschenien"


Wie ein Staat mit seinen Menschen umgeht
Humanitärer Hilfstransport 1999- Ettlinger Polizei aus Gatschina zurück



,,Habt ihr noch ein paar Rubel übrig?" Höflich und freundlich kommt die Frage der jungen Grenzsoldaten und sie erzählen: Zwei Jahre tun sie ihren Dienst an der finnisch-russischen Grenze, zwei Jahre ohne einen einzigen freien Tag, ohne Heimaturlaub und ohne ausreichende Ernährung. Die Freude am Interesse der Deutschen ist spürbar. Aber bei allem Elend relativiert sich das eigene Los. Aber alles ist besser als nach Tschetschenien geschickt zu werden. Darin sind sie sich einig.
Das Bild rundet sich. Erfahren wir doch am Tag zuvor von Alexander Sergejewitsch, dem Leiter des Luftwaffenhospitals in Gatschina, dass in diesem Jahr alle Soldaten, die zu ihm kommen, Untergewicht haben und erst einmal aufgepäppelt werden müssen. Dank der Gesamtanlage der Klinik, die Ländereien mit Gemüseanbau und sogar eine Schweinezucht einschließt, ist die Verpflegung hier gut und ausreichend. Beim Rundgang durch die vorbildlich geführte Klinik können wir uns selbst ein Bild davon machen, wie notwendig die Hilfe aus Deutschland ist. Einige Krankenzimmer sind mit Betten, die wir im letzten Jahr gebracht haben, ausgestattet, aber immer noch liegen Patienten auf Feldbetten. Dankbar nimmt der Klinikchef die sogar elektrisch verstellbaren Betten der Sozialstation Mannheim aus dem diesjährigen Transportgut entgegen. Auch anderes medizinisches Material und Medikamente sind mehr als willkommen.
Gerade die Versorgung mit Medikamenten ist dramatisch. Deshalb sind die Ettlinger Polizeibeamten froh, dass nicht nur die Bundeswehr großzügig Medikamente und medizinisches Material aus ihren Beständen bereitstellt. Auch den Arztpraxen und Apotheken in Ettlingen und der Umgebung ist man dankbar für ihren Beitrag.
Der russische Zoll - eine unendliche Geschichte. Zweifellos hat sich die Situation an der Grenze entspannt. Fünf Stunden für die Abwicklung der Formalitäten für sechs Fahrzeuge und elf Personen ist wahrlich nicht viel und erweckt den Neid manch eines schon seit zwanzig Stunden wartenden Truckers. In Gatschina beim Zoll jedoch stundenlanges Warten in einem Büro mit drei Angestellten, von denen nicht einer auch nur ein einziges Mal den Blickkontakt mit den Deutschen sucht, nicht ein einziges Wort der Erklärung abgibt, ganz zu schweigen von der Bitte, doch Platz zu nehmen. Ob wir sitzen oder stehen, ob wir nach sechs Stunden müde sind, hungrig oder durstig - das interessiert niemanden. Statt dessen herrscht ein aggressiver Umgangston, nicht selten wird es laut zwischen den Zollbeamten und Jewgenij Protschenko, unserem russischen Betreuer. Man wird für unverzichtbare Stempel vom ersten Schalter an den zweiten geschickt, dass aber am zweiten Schalter für zwei Stunden Mittagspause ist, sagt keiner.
Zweieinhalb Tage zieht sich dieses Trauerspiel hin, am Freitag Nachmittag endlich werden die Fahrzeuge freigegeben, wir dürfen abladen. Die Erleichterung ist spürbar, denn am Sonntag früh um vier Uhr müssen wir unsere Heimreise antreten.
Kritiker bezweifeln immer wieder den Sinn solcher Transporte. Sie sind aber nötiger denn je. Viele der persönlichen Freunde, die in all den Jahren nie um Kleidung gebeten haben, tun es jetzt. Jeder Rubel wird für Lebensmittel gebraucht, und noch nicht einmal dafür reicht das Geld. Setzt man das Einkommen der Menschen ins Verhältnis zu den Preisen, z.B. für Brot oder ein Kilo Fleisch, erkennt man schnell, dass viele derzeit noch nicht einmal satt werden. Im Russland des Jahres 1999 ist es keine Seltenheit, dass sich Menschen von Schweinefutter ernähren.
Die Aktionsgemeinschaft ,,Die Polizei hilft e.V." unter Vorsitz von Revierführer Günter Cramer dankt allen Bürgern Ettlingens und der Region für die überwältigende Hilfsbereitschaft bei der Zusammenstellung des diesjährigen Transportes, des größten, seit es diese Art von Hilfe für unsere Partnerstadt gibt. Neben den unzähligen namenlosen Empfängern, die über das städtische Sozialamt in Gatschina Hilfsgüter bekommen, danken wir auch im Namen derjenigen, die direkt Geschenkpäckchen von ihren Ettlinger Freunden bekommen. Noch nie waren so viele privatadressierte Pakete mit an Bord wie in diesem Jahr - ein Zeichen dafür, wie viele Kontakte unter der Bevölkerung mittlerweile bestehen. Und dies ist es schließlich, was eine Städtepartnerschaft mit Leben erfüllt.
Im Namen der ,,Ersten Hilfe" in Gatschina danken wir Wolfgang Schmidt und Jochen Friedemann vom Freundeskreis Gatschina im DRK für die wertvollen medizinischen Apparaturen und natürlich für das ausgemusterte Rettungsfahrzeug, das wir zusammen mit dem Konvoi überführen konnten. Für das Bereitstellen von Lebensmitteln danken wir dem Edeka-Markt (Hintzmann u. Wendt), WOCA (Peter Worms), ETO sowie dem Obst- und Gemüsegroßhandel Görger u. Zorn, nicht zuletzt auch der Spinnerei Ettlingen für Stoffe.
Aber kein Transport käme zustande, gäbe es nicht Firmen, die ihre Fahrzeuge bereitstellen: Unser besonderer Dank gilt deshalb den Gontainerdiensten Bär und Vanni, lttersbach, der Spedition Kunze und dem Transportunternehmen Fidelitas, Karlsruhe, Papierschneider & Söhne, UVW-Leasing und der AVG, Ettlingen, und ebenso der Getränkehandlung Schottmüller aus Waldbronn. Den Fahrzeughaltern sei zu ihrer Beruhigung gesagt: Die Straßen von der finnisch-russischen Grenze durch St. Petersburg hindurch bis nach Gatschina haben inzwischen nahezu westlichen Standard, die LKW werden somit nicht übergebührlich strapaziert.
Nur regelmäßige Aktionen machen Sinn, weil nur sie dauerhafte zwischenmenschliche Beziehungen schaffen und entwickeln. Deshalb wollen wir weiter machen. Dazu brauchen wir auch in Zukunft Unterstützung.
Bankverbindung:
Aktionsgemeinschaft ,,Die Polizei hilft e.V."
Badische Beamtenbank Karlsruhe
BLZ 660 908 00

Kontonr. 4.135.261