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Das war...(Aktuelles aus der Gemeinde)


11.01.2001 Forstamt Karlsbad: Orkan "Lothar" - ein Jahr danach


Der Orkan "Lothar" am zweiten Weihnachtsfeiertag 1999 ist wohl allen Waldbronnern noch in schlimmer Erinnerung. Auch wer nicht selbst am Haus, Garten oder Auto betroffen war, hat die enormen Verwüstungen des Waldbronner Waldes und weit über Waldbronn hinaus noch vor Augen. Alle durch den Wald führenden Straßen waren durch umgestürzte Bäume gesperrt. Etzenrot war ganz von der Welt abgeschlossen. Die wichtigsten Verbindungen wurden durch den raschen engagierten Einsatz der Freiwilligen Feuerwehren noch am Katastrophentag selbst oder wenig später geräumt. Unterstützt wurden sie dabei durch die fachkundigen heimischen Waldarbeiter, Holzrückeunternehmen und vor allem den zuständigen Forstrevierleiter.
Ein Jahr danach zieht das Forstamt die folgende Zwischenbilanz:
1. Umfang der Schaden im Gemeindewald Waldbronn
Schon der erste Überblick über die Schäden am Wald zeigte, dass der Waldbronner Wald weit überdurchschnittlich betroffen war, Die Größenordnung des Holzanfalls wurde auf 40.000 Fm geschätzt. Im Vergleich zum jährlichen planmäßigen Holzertrag von 3.400 Fm entspricht das fast der Nutzung von zwölf Jahren.
Schlimmer aber als dieser zahlenmäßige Schaden am Holzvorrat war der Eingriff des Orkans in den Wald als Lebensraum der Waldbronner Bürger Die Waldkulisse vor den Wohnzimmerfenstern war weg. Der Wald des täglichen Spaziergangs, der Wald als Erweiterung des Kurparks war völlig verändert.
Eine genaue Schadensschätzung - Waldbestand für Waldbestand - einige Wochen später ergab dann rund 44.000 Fm, das sind 45 % des gesamten Holzvorrats im Wald.
2. Aufarbeitung
Mit Hilfe von fremden Holzeinschlagsunternehmen, teils mit großen Holzerntemaschinen, teils mit Waldarbeitern, ist es gelungen, die gewaltigen Holzmassen aufzuarbeiten, ehe das Holz verdirbt. Die Organisation der Abwicklung war eine Meisterleistung des Försters. Die Lagerplätze entlang der Wege konnten die großen Holzmengen gar nicht fassen. Es musste ein ständiger Verkauf und Abtransport der Hölzer organisiert werden. Bereits im Januar ist es gelungen, mit bedeutenden Fichten-Stammholz-Käufern Lieferverträge abzuschließen. Weitere Holzkäufer kamen später hinzu.
Neben den Nadelbaum-Altbeständen z.B. beim Neubrunnenschlag, waren aber auch viele als stabil eingeschätzte alte Buchenwälder dem Sturm zum Opfer gefallen. Eine rasche Aufarbeitung machte es möglich, die wertvollen Stammteile als weltweit gefragtes Furnierholz oder auch als Möbelholz zu verkaufen.
Der kontinuierliche Verkauf aus der Aufarbeitung im Schlag heraus war für den Forstrevierleiter mit einem enormen Arbeitsaufwand und viel Mehrarbeit oft übers Wochenende hinweg verbunden. Besonders das Einweisen von Holzfuhrleuten ohne jede Ortskenntnis war sehr zeitraubend.
Das wichtigste Ergebnis der Aufarbeitung aber ist, dass es keine schweren Unfälle gab, weder beim eigenen Personal noch bei den fremden Unternehmern. Es hat sich bewährt, dass nur erfahrene qualifizierte Einschlagsunternehmen beauftragt wurden und auch die dort eingesetzten Waldarbeiter in ihrer Heimat ebenfalls im Wald arbeiten. Hinzu kommt, dass die großen Vollerntemaschinen deutlich sicherere Arbeitsplätze bedeuten als die Motorsägenarbeit im Verhau.
3. Warum Aufarbeitung?
Aus den Naturschutzverbänden war z.T. überregional die Forderung zu hören, man solle das Holz einfach liegen lassen, die Natur könne dann um so besser ökologisch stabile Wälder hervorbringen.
Dabei wird zuerst einmal übersehen, dass Holz kein wertloses Abfallprodukt ist. Holz ist in unserem an Rohstoffen armen Land ein wichtiger Grundstoff. Zahlreiche Gewerbe und Industrien bauen auf diesem Rohstoff auf. Im gesamten Sturm-schadensgebiet im Schwarzwald ist zwar ein Mehrfaches des Jahresbedarfs angefallen: Durch Einschlagsbeschränkungen in sturmfreien Gebieten entstand jedoch, z.B. im waldreichen Sauerland, eine Nachfrage nach Sturmholz. Daneben wurde im Schwarzwald viel Holz in Nasslagern für die kommenden mageren Jahre konserviert. Für den Hauptbedarf, nämlich Bauholz, behält Nasslagerholz drei bis fünf Jahre eine gute Qualität.
Unsere ortsnahen Wälder sind nicht nur seit alters her Rohstofflieferanten, sie haben schon seit vielen Jahrzehnten große Bedeutung als Erholungsgebiete. Die meisten Spaziergänger und Wanderer schätzen einen abwechslungsreichen, gepflegten Wald. Auch wenn Urwälder heute ebenfalls als Attraktionen angepriesen werden, so bräuchten unsere von "Lothar" zerstörten Waldflächen viele Jahrzehnte, bis sie einen urwaldähnlichen Charakter entwickeln könnten. Ein wilder Verhau aus Sturmholz ist schließlich noch lange kein Urwald. Ein wilder Verhau ist auch kein Anblick, mit dem die Bürger ständig leben wollen. Die rasche Aufarbeitung der Sturmhölzer und die bereits eingeleitete gesteuerte Wiederbewaldung führen schneller zu ansehnlichen Waldbildern als das Liegenlassen.
4. Das Konzept für den neuen Wald
Die bereits eingeleitete Bestandsaufnahme der Sturmflächen ergab rd. 80 ha zerstörten Wald, rund 25 % der Fläche des Gemeindewaldes. Dabei sind Flächen unter 0,5 ha sowie die vielen aufgerissenen beschädigten Bestände nicht mitgezählt. Der Wiederaufbau des Waldes wird einschließlich der Pflege in den kommenden Jahren mehrere Hunderttausend DM kosten. Zum Glück gewähren EU, Bund und Land beachtliche Zuschüsse zur Begründung laubbaumreicher naturnaher Wälder.
Auf der Mehrzahl der vom Sturm geräumten Waldflächen gibt es Ansätze von Naturverjüngung (= Jungpflanzen aus den Samen des bisherigen Waldes). Soweit die Jungpflanzen durch das Sturmholz und dessen Aufarbeitung beschädigt wurden, werden sie entfernt (,,Schlagpflege"). Die gesunden Pflanzen - zusammen mit Jungpflanzen, die noch aus dem Samen der alten geworfenen Wäldern entstehen, sog. erwartete Verjüngung, bilden die neue Waldgeneration. Wir wissen, dass normalerweise über 10 000 Jungpflanzen je Hektar von selbst aufwachsen: Die reiche Naturverjüngung, wie sie in allen Altbeständen vorhanden war und nur darauf wartete, dass die alten Bäume genutzt werden und Platz machen für die nächste Generation, bestand überwiegend aus Laubbäumen, vor allem Buchen. Der Orkan hat sie oft irreparabel beschädigt. Auf diesen Flächen breiten sich nun Kiefer, Lärchen, Fichten und Douglasien aus. Die Buche entwickelt sich besser unter dem Schirm alter Bäume als auf einer Kahlfläche. Dies zeigt, dass der Orkan die bei planmäßiger forstlicher Bewirtschaftung laufende Entwicklung hin zu Laubwäldern gestört - bzw. unterbrochen hat. D.h. "Lothar" hat die Chancen zu mehr Naturnähe verschlechtert, nicht verbessert.
Leider breitet sich auf den nährstoffreichen Böden in den Randlagen des Schwarzwaldes nach Kahlschlägen (auch durch "Lothar") die Brombeere üppig aus und be- oder verhindert die Naturverjüngung. Oft kommen nur ein paar krumm wachsende Bäumchen aus dem Brombeerfilz heraus, ergeben später aber keine gute Qualität, wie unsere Nachfahren sie als Grundstoff für die Bau- und Möbelindustrie benötigen werden.
Deshalb ist Pflanzung erforderlich, am einfachsten Fichten (ca. 1.000 Pfl./ha), da diese sehr robust sind und unter der Last des Brombeerfilzes nicht krumm werden. Die Fichten beschatten später die Brombeeren, schwächen diese, so dass dann die Pflanzen aus der Naturverjüngung aufwachsen können. D.h. auch dort, wo man nun Fichten (im Abstand 3 x 3 m) pflanzt, wird es in wenigen Jahren gemischte Wälder aus vielen Baumarten geben! Überzählige Fichten werden dann wieder entnommen.
Wenn wir in etwa zehn Jahren, die Zusammensetzung der Jungwälder nach "Lothar" überprüfen, wie dies bei der forstlichen Betriebsplanung regelmäßig geschieht, werden wir etwa zu 90 % Naturverjüngung und nur etwa zu 10 % gepflanzte Jungbäume vorfinden.
5. Auswirkungen auf die Jagd
Wie schon bisher wird das Gelingen der Waldverjüngung ganz entscheidend vom Rehwild beeinflusst Leider fressen die Rehe am liebsten Eichen und Tannen, die wir für einen stabilen Wald so nötig brauchen. Sie verschmähen dagegen die Fichten.
Aufgabe der Jäger ist es nicht nur, einen artenreichen Wildbestand zu hegen. Das Bundesjagdgesetz verpflichtet sie, den Abschuss so zu regeln, dass die berechtigten Ansprüche der Forstwirtschaft sowie des Naturschutzes berücksichtigt werden. Viele Jäger bemühen sich darum. Leicht ist dies in unserer dicht besiedelten Gemeinde nicht. Spaziergänger, Reiter, Jogger und Hundefreunde stören die Jagd immer mehr. Der Austritt des Wildes aus dem Wald in die Feldflur erfolgt wegen der vielen Störungen nur noch tief in der Nacht, wenn das "Büchsenlicht" erloschen ist.
Auch dort wo die Spaziergänger selten Wild sehen, gibt es meistens doch so viele Rehe, dass deren Verbiss einen Einfluss auf die Zusammensetzung des künftigen Waldes ausübt. Ein naturnaher Wald ist nur möglich, wenn die natürliche Vermehrung des Rehwildes durch Bejagung auf ein zuträgliches Maß begrenzt wird.
6. Wann sind die Wege wieder in Ordnung?
Besonders bemerkbar wird vielen Spaziergängern, Wanderern und Waldläufern der Schaden am Wald durch den schlechten Zustand der Wege. Unsere Waldwege haben eine Tragfähigkeit, die den schweren LKW-Fahrten dann gewachsen ist, wenn relativ selten gefahren wird. Bei häufigen Fahrten, wie sie zur Bewältigung der Sturmholzmassen notwendig waren, und in Regenperioden wurde die Belastbarkeit der Waldwege meist überschritten. Um den Abtransport der Hölzer zu gewährleisten, musste ein Teil der Wege noch während der Aufräumarbeiten mit grobem Schotter stabilisiert werden. Eine Sanierung aller Wege, wie sie die Erholungssuchenden erwarten, ist erst dann wirtschaftlich vertretbar, wenn das meiste Holz abgefahren ist. Mit der Ausbesserung der Waldwege wurde bereits begonnen. Viele Wege sind jetzt schon wieder gut begehbar.
7. Wie groß Ist der finanzielle Schaden am Wald?
Eine überschlägige Bewertung des Forstamts ergibt einen Vermögensschaden für die Gemeinde in Höhe von etwa 4 Mio. DM. Dieser Schaden reißt jedoch nicht sofort ein Loch in die Gemeindekasse. Der vorzeitige Anfall künftiger Nutzungen wird erst in den kommenden Jahren wirksam. Konnte die Waldbewirtschaftung bisher regelmäßig mit einem Jahresüberschuss für die Gemeindekasse abschließen, so werden nun magere Jahre mit roten Zahlen auf uns zukommen.
Das Jahr 2000 ergab aber noch schwarzen Zahlen. Die aufgearbeiteten Bäume konnten zügig verkauft werden. Einige große Lieferverträge mit neuen Kunden haben viele Hölzer sofort abfließen lassen. Die Stammkundschaft konnte die großen Holzmengen gar nicht aufnehmen. Der Verkauf an weit entfernte Sägewerke hat zwar wegen der hohen Transportkosten zu Preiseinbußen geführt, war aber in der Katastrophensituation die beste Lösung. So konnten wenigstens im Jahre 2000 alle laufenden Kosten gedeckt und noch ein beachtlicher Einnahmeüberschuss erzielt werden.
8. Vorläufige Wertung
Der Orkan "Lothar" hat das Bild des Waldbronner Waldes für die Bevölkerung sowie die wirtschaftliche Substanz gewaltig verändert. Viele alte Waldbestände, über 25 % der Waldflächen, fielen dem Sturm zum Opfer An ihre Stelle treten großflächige Kulturen.
Im Zusammenhang mit den Ursachen des Orkans "Lothar" ist festzuhalten, dass die Klimaforscher inzwischen weltweit eine Klimaveränderung bestätigen. Der übermäßige Energieverbrauch der entwickelten Länder hat wesentlich dazu beigetragen. Es gilt daher, nicht nur bei internationalen Klimagipfeln darüber global zu reden, sondern lokal und für alle Bürger Energie einzusparen.
Ein wirksames Mittel gegen den Treibhaus-Effekt als Teil der Klimaveränderung ist nicht nur die Einsparung von C02, d.h. jede Vermeidung von Verbrennung, sondern auch die Speicherung von CO2. Bekanntlich besteht Holz zur Hälfte aus Kohlenstoff. Jede Holzverwendung, wie z.B. im Haus- oder Möbelbau, die Holz für lange Zeit dem Kreislauf der Natur entzieht, wirkt dem Klimawandel entgegen. Die Nutzung des Holzes hat somit gegenüber dem Verrottenlassen ökologische Vorteile. Jeder kann durch Holzverwendung diesen ökologischen Effekt steigern.
Nicht zuletzt bat uns der Orkan drastisch vor Augen geführt, wie abhängig wir von der Natur sind, und dass es ratsam ist, bei der Bebauung den gesetzlichen Waldabstand von 30mn, d.h. der Höhe eines Baumes, einzuhalten, denn, "die Natur schlägt zurück".


Ganz nahe an die Häuser rückte "Lothar" im Ortsteil Etzenrot heran, wie hier bei der Waldschule und dem Gesellschaftshaus.